🏷️ Titel: Warum SciBlog iWIP? – Motivation, Funktionen, Learnings
👤 Urheber: Söll, Matthias
📜 Lizenz & Link: CC BY-SA 4.0
🗓 Erstellt: 17.12.2025
🧩 Version: 1.0
🚦 Status: 🟠 In Erprobung
🧾 Zitiervorschlag: Söll, Matthias (2025). Warum SciBlog iWIP? – Motivation, Funktionen, Learnings. SciBlog iWIP – Universität Rostock. https://matthiassoell.github.io/iWIP/blog/oer/warum_sciblog/ (Lizenz: CC BY-SA 4.0)

1. Motivation: Wie es zur Idee kam 🧭

Die 2010er-Jahre: Lehre als gut beherrschbares Handwerk 🧩😄

Ich habe meine Lehre schon immer gerne vorbereitet 👨‍🏫. Besonders reizvoll fand ich dabei weniger das „Abarbeiten von Stoff“, sondern das Nachdenken darüber, wer meine Zielgruppe ist, was sie mitbringt – und wie Inhalte so aufbereitet werden können, dass sie verständlich, anschlussfähig und lernförderlich (Wernke & Zierer 2017) sind 🧠🎯. Um die Lernendenperspektive zu fokussieren, habe ich bspw. auch die Methode Unterrichtsplanung in Drehbuchform entwickelt (Söll & Klusmeyer 2022).

In den 2010er-Jahren sah diese Vorbereitung noch vergleichsweise überschaubar aus:
Konzepte entstanden in Word, Präsentationen in PowerPoint, Bilder wurden mit GIMP bearbeitet 🎨. Die Materialien lagen sauber sortiert auf Netzlaufwerken 💻🌐.


Mitte der 2010er-Jahre: Digitale Lehr-Lern-Arrangements und wachsende Komplexität ⚙️🙂

Mit dem Aufkommen der ersten Learning-Management-Systeme 🌐 veränderte sich die Lehrvorbereitung spürbar. Präsentationen wurden als PDF exportiert, in ILIAS, Moodle oder Stud.IP eingepflegt und mit Metadaten versehen 🏷️. Lehrmaterialien wurden versioniert, aktualisiert und erneut hochgeladen 🔁.

Ab etwa der Mitte der 2010er-Jahre gestaltete ich zunehmend parallele Online-Lehr-Lern-Arrangements 👥💻. Videos und interaktive Elemente hielten zusätzlich Einzug 🎬🧩. Die Datenmengen wuchsen, die Anzahl der zu pflegenden Metadaten ebenfalls 🗂️. Was zunächst nach Fortschritt aussah, fühlte sich in meinem Alltag immer häufiger nach Redundanz an 🤹‍♂️💭.


Die 2020er-Jahre: OER, Metadaten und der Kipppunkt 📈😖

Spätestens in den 2020er-Jahren, mit meiner Beschäftigung mit 🎓🌍🔓 Open Educational Resources (OER), erreichte diese Entwicklung einen Kipppunkt 🪞.
Zu den bestehenden Systemen kamen neue Werkzeuge hinzu: OER-Autorentools wie Lumi oder H5P 🧩💻 sowie Repositorien wie twillo oder HUBBS 🌐.

Die Anforderungen an Lizenzierung, Dokumentation und Metadatenpflege wurden berechtigterweise höher 📑🏷️ – der organisatorische Aufwand aber ebenfalls. Meine Stimmung in der Lehrvorbereitung: angespannt 😕.

An diesem Punkt stellte sich für mich eine einfache, aber grundlegende Frage 💭🧭: Muss das wirklich so kleinteilig, redundant und fragmentiert sein?


2. Vom Tool-Zoo zur integrierten Umgebung 🧭🧩

Rückblickend lässt sich meine Lehrvorbereitung über viele Jahre gut als ein wachsender Tool-Zoo beschreiben 🦒🦉🐘.
Jedes neue Werkzeug hatte für sich genommen seine Berechtigung – oft sogar klare didaktische Vorteile. Das Problem war nicht das einzelne Tool, sondern die Summe.

Immer mehr Werkzeuge – und immer mehr Brüche 🧩⚙️

Über die Jahre kamen zahlreiche Programme, Plattformen und Formate zusammen:

  • Textverarbeitung, Präsentationssoftware und Bildbearbeitung
  • Learning-Management-Systeme für Organisation und Verteilung 🌐
  • Videoformate, interaktive Elemente und Online-Aktivitäten 🎬
  • OER-Autorentools, Repositorien und Lizenzmodelle 🎓🌍🔓
  • unterschiedliche Metadatenstandards, Exporte und Versionen 🏷️📄

Jedes dieser Elemente erfüllte eine Funktion.
Gemeinsam erzeugten sie jedoch Brüche im Arbeitsprozess: Medienbrüche, Systembrüche – und nicht zuletzt Denkbrüche 🪞.

Didaktische Planung, technische Umsetzung und Veröffentlichung fielen zunehmend auseinander. Inhalte mussten mehrfach angepasst, konvertiert und dokumentiert werden. Änderungen an einer Stelle zogen neue Arbeit an anderer Stelle nach sich 🔁.


Komplexität als didaktisches Problem 🧠⚠️

Irgendwann wurde klar:
Diese Komplexität war nicht nur ein organisatorisches, sondern auch ein didaktisches Problem.

Statt mich auf Fragen zu konzentrieren wie:

  • Was sollen die Studierenden hier eigentlich lernen? 🎯
  • Wie greifen Inhalte, Aufgaben und Reflexion ineinander? 🧠
  • Was ist zentral – und was kann vertiefend angeboten werden? 🧭

banden technische Fragen immer mehr Aufmerksamkeit:

  • In welchem System liegt was?
  • Welche Daten muss ich konvertieren?
  • Wo müssen Metadaten nachgepflegt werden?

Die Gefahr war spürbar: Lehre wird verwaltet statt gestaltet.


Die Schlüsselfrage: Integration statt Addition 🔄🎯

Der Wendepunkt war keine neue Software, sondern eine konzeptionelle Entscheidung 💭🧭:

Was wäre, wenn Lehre nicht aus vielen verbundenen Tools besteht,
sondern aus einer integrierten Umgebung, die didaktische Logik abbildet?

Statt Inhalte immer wieder neu zu exportieren, hochzuladen und anzupassen, sollte es einen zentralen Ort geben:

  • für didaktische Planung 🧭
  • für Materialerstellung 🎨
  • für Veröffentlichung 🌐
  • für Offenheit und Nachnutzung 🎓🌍🔓

Nicht als starres System, sondern als flexible Struktur, die sich an der Logik von Lehre orientiert – nicht umgekehrt.


Reduktion als Gewinn 🌱

Der entscheidende Schritt bestand daher nicht darin, noch mehr zu integrieren,
sondern konsequent zu reduzieren ✂️🧩:

  • weniger Formate
  • weniger Konvertierungen
  • weniger doppelte Pflege
  • weniger Orte, an denen Inhalte „leben“
  • Automatisierung zur Entlastung für wiederkehrende Funktionen

Was blieb, waren nur die Werkzeuge, die wirklich gebraucht werden – eingebettet in eine Umgebung, die Kohärenz statt Fragmentierung erzeugt 🤝🧠.

Aus dieser Reduktion heraus wurde der Weg frei für das, was mir in der Lehre eigentlich wichtig ist:
Die Perspektive der Studierenden – und Lernprozesse, Inhalte, Reflexion 👥🎯.

Der Perspektivwechsel: Der Perspektivwechsel: Integration statt Tool-Logik 🎯😁

Die entscheidende Idee war, nicht noch ein weiteres Tool zu suchen, sondern die Perspektive zu wechseln: weg von einzelnen Anwendungen – hin zu einer integrierten Software-Umgebung für die Lehre 💻🎯.

Inspiriert durch meine Kollegin Silvia Retzlaff sowie durch die Arbeit der oer.community im OE_COM-Projekt FOERBICO 🤝🌱, erinnerte ich mich – unter leichtem sozialem Druck 😉 – an meine eigenen Programmieranfänge in der Jugend 👨‍💻.

Als ich mich intensiver mit dem Gedanken beschäftigte, dass das Web selbst – und insbesondere HTML – eine ausgesprochen OER-freundliche Umgebung ist 🌍🔓, fiel meine Entscheidung:

Ich baue mir eine eigene, internetbasierte Lehr-Lern-Umgebung, in der sich didaktische Planung 🧭, Veröffentlichung 🌐, Offenheit 🎓🌍🔓 und Nachhaltigkeit 🌱 sinnvoll miteinander verbinden lassen 🤝.

Zeitgleich begann ich, Künstliche Intelligenz systematisch in meine Arbeitsprozesse einzubeziehen 🤖🧠 – sowohl als technische Unterstützung ⚙️ als auch als didaktisches Gegenüber 🪞. Aus dieser Kombination heraus entstand im SoSe 2025 Schritt für Schritt der SciBlog iWIP 🌐🎯, den ich seit dem WiSe 2025/2026 einsetze.

3. Funktionen des SciBlog iWIP 💻🎯

Der SciBlog iWIP ist kein weiteres Tool im bestehenden Systemgefüge, sondern eine integrierte Lehr-Lern-Umgebung, die sich an der Logik von Lehre orientiert 🧭 – nicht an der Logik einzelner Plattformen.

Die zentralen Funktionen lassen sich in vier miteinander verbundene Bereiche bündeln.


Lernendenperspektive zuerst: Zugang und Nutzung 👥🧠

Ein zentrales Gestaltungsprinzip des SciBlog iWIP ist die konsequente Ausrichtung auf die Perspektive der Lernenden 👥.

  • Responsives Design ermöglicht eine sinnvolle Nutzung auf Smartphone, Tablet und Desktop 📱💻
  • Inhalte sind klar strukturiert, gut lesbar und niedrigschwellig zugänglich
  • Studierende entscheiden selbst, wie tief sie einsteigen möchten 🧭
  • Für Aufgaben, die in Präsenz in Partner- oder Gruppenarbeit durchgeführt werden, erfolgt im Blog ein Prompt-basierter Vorschlag für eine interaktive Aufgabenbearbeitung mit KI

Lehre wird damit nicht nur bereitgestellt, sondern nutzbar gemacht 🧠.


Unterschiedliche Zugänge – ein Inhalt 🌐🧩

Didaktisch sinnvoll ist selten ein Darstellungsformat.
Der SciBlog iWIP erlaubt daher verschiedene Zugänge zu denselben Inhalten:

  • als Blogbeitrag zur vertieften Auseinandersetzung 📖
  • als Präsentation für die Präsenzlehre oder synchrone Online-Formate 👥💬
  • als PDF oder Markdown für Download, Archivierung und Offline-Nutzung 📄

Alle Formate basieren auf einer gemeinsamen inhaltlichen Quelle.
Redundante Pflege entfällt – Kohärenz entsteht automatisch 🤝.


Nachhaltige Speicherformen statt flüchtiger Formate 🌱📄

Technisch setzt der SciBlog iWIP bewusst auf nachhaltige, offene Speicherformate:

  • Inhalte werden primär in Markdown verfasst ✍️
  • PDFs entstehen automatisiert aus derselben Quelle
  • Änderungen bleiben nachvollziehbar, versionierbar und langfristig nutzbar 🔁

Das reduziert Abhängigkeiten von Softwareversionen und erhöht die Zukunftsfähigkeit der Materialien 🌱.


Vertiefung, Transparenz und Offenheit 🎓🌍🔓

Ein weiterer zentraler Funktionsbereich betrifft die didaktische Dokumentation und Offenheit:

  • Direkte Verlinkungen zu Quellen, Studien und Materialien ermöglichen Vertiefung 📚
  • Lehr-Lern-Arrangements werden didaktisch transparent dokumentiert (z. B. über TULLU) 🧭
  • Alle Inhalte sind i. d. R. offen lizenziert (CC BY-SA 4.0) 🎓🌍🔓

Lehre wird damit nicht nur genutzt, sondern teilbar, überprüfbar und weiterentwickelbar 🤝.


Systemanschluss statt Insellösung 🌐🔗

Der SciBlog iWIP ist bewusst so angelegt, dass er anschlussfähig bleibt:

  • geplante automatische Anbindung an Repositorien (z. B. OERSI, beantragt) 🌐
  • klare Metadatenstrukturen ohne Mehrfachpflege 🏷️
  • Nutzung unabhängig von bzw. integriert in LMS-Instanzen

Damit bleibt die Lehr-Lern-Umgebung offen für institutionelle Kontexte, ohne von ihnen abhängig zu sein 🔗.


Zusammengefasst 🧭

Der SciBlog iWIP…

  • reduziert technische Komplexität ✂️
  • erhöht didaktische Kohärenz 🤝
  • stärkt die Perspektive der Lernenden 👥🧠
  • und macht Lehre nachhaltig, offen und anschlussfähig 🎓🌍🔓

Nicht als Selbstzweck – sondern als Arbeitsumgebung für gute Lehre 👩‍🏫🎯.

4. Zentrale Learnings 🪞🧠

Die Arbeit mit dem SciBlog iWIP hat für mich nicht nur technische Abläufe verändert, sondern vor allem meine Sicht auf Lehre geschärft. Einige dieser Lernprozesse waren erwartet – andere eher überraschend.


Veröffentlichen verändert Vorbereitung 🧭🌐

Ein zentrales Learning war für mich:
Ich bereite Lehre anders – und besser – vor, wenn ich weiß, dass ich sie veröffentliche.

Die Entscheidung für Offenheit erzeugt einen produktiven Druck:

  • Inhalte müssen klarer strukturiert und mit Quellen belegt sein
  • Argumentationen müssen begründbar sein
  • didaktische Entscheidungen werden bewusster reflektiert 🪞

Lehre wird damit weniger situativ und stärker konzeptionell durchdacht (Wiley & Hilton 2018).


KI als didaktisches Gegenüber 🤖🧠

Ein weiteres zentrales Learning betrifft die Arbeit mit Künstlicher Intelligenz.
KI nutze ich nicht zur Automatisierung, sondern als Reflexions- und Feedbackinstanz 🪞.

  • zur Prüfung von didaktischer Stringenz
  • zur Rückmeldung auf Aufgabenstellungen und Struktur
  • zur Unterstützung bei Sprache, Reduktion und Zuspitzung
  • zur technischen Umsetzung des Blogs

KI ersetzt dabei keine didaktische Verantwortung – sie verstärkt Reflexion, wenn sie bewusst eingesetzt wird 🧠.

Dietrich & Zug (2025), die Entwickler von LiaSkript, beschreiben in Ihrem Blogbeitrag ein ähnliches Konzept der KI-unterstützten Gestaltung von Lehre.


Reduktion schafft didaktischen Raum ✂️🧭

Die konsequente Reduktion von Tools, Formaten und Abläufen hat einen unerwarteten Effekt:
Sie schafft mentalen Raum.

Weniger technische Entscheidungen bedeuten:

  • mehr Fokus auf Lernziele 🎯
  • mehr Aufmerksamkeit für Lernprozesse 🧠
  • mehr Zeit für didaktische Feinjustierung 🧭

Komplexitätsreduktion ist damit kein technisches, sondern ein didaktisches Qualitätsmerkmal.


Lehre rückt (wieder) ins Zentrum 👩‍🏫🎯

Vielleicht das wichtigste Learning:
Durch den SciBlog iWIP rückt Lehre selbst – und ein entsprechender Austausch, auch über das Web – wieder stärker in den Fokus.

Nicht als Nebenprodukt von Organisation, Verwaltung oder Toolpflege – sondern als professionelle Gestaltungsaufgabe 👩‍🏫.

Der SciBlog ist dabei kein Selbstzweck, sondern ein Arbeitsmittel, das mir erlaubt, mich auf das zu konzentrieren, was Lehre im Kern ausmacht:
Lernende, Inhalte, Prozesse und Reflexion 👥🧠🪞.

📚 Literatur

Dietrich, A., & Zug, S. (2025). AI-assisted course creation: From Markdown to interactive learning in 3 hours [Blogbeitrag]. LiaScript. https://liascript.github.io/blog/ai-assisted-course-creation-buchstabensuppe-tutorial/

Söll, M., & Klusmeyer, J. (2022). Akademisches Lernen und Reflexion bei der Förderung von Unterrichtsplanungskompetenz in der Wirtschaftsdidaktik. In J. Klusmeyer & D. Bosse (Hrsg.), Konzepte reflexiver Praxisstudien in der Lehrer*innenbildung (S. 73–114). Springer VS. UB WorldCat DOI

Wernke, S.; Zierer, K. (2017). Die Unterrichtsplanung - ein in Vergessenheit geratener Kompetenzbereich?!. In: S. Wernke & K. Zierer (Hrsg.), Die Unterrichtsplanung: ein in Vergessenheit geratener Kompetenzbereich?! Status Quo und Perspektiven aus Sicht der empirischen Forschung. (S. 7-16). Julius Klinkhardt.UR WorldCat DOI

Wiley, D., & Hilton, J. (2018). Defining OER-enabled pedagogy. International Review of Research in Open and Distributed Learning, 19(4), 133–147. WorldCat DOI