🧭 Hintergrund
In dieser Sitzung geht es um die Frage, wie sich Erwartungen an Lernen und Arbeit verändern. Begriffe wie „Babyboomer“, „Generation X“, „Generation Y“ oder „Generation Z“ tauchen häufig auf, wenn über Lernen und Arbeit, Führung, Motivation oder Ausbildung gesprochen wird. Sie wirken eingängig, können aber auch zu vorschnellen Zuschreibungen führen.
Im Mittelpunkt steht deshalb die Frage, wie historische Erfahrungen, Bildung, Technik, Arbeitsmarkt und persönliche Lebenslagen Erwartungen an Lernen und Arbeit prägen.
💭 Ausgangsfrage
Wie verändern sich Vorstellungen von Lernen und Arbeit, und was lässt sich daran tatsächlich über Generationen, Bildungserfahrungen und gesellschaftliche Rahmenbedingungen lernen?
🎯 Lernziele
Nach der Sitzung können Sie:
- 🧭 Generationenzuschreibungen als heuristische Ordnung von Erfahrungen beschreiben.
- 🧠 Erwartungen an Lernen und Arbeit aus unterschiedlichen biografischen, sozialen und bildungsbezogenen Perspektiven einordnen.
- 🤝 New-Work-Aspekte wie Homeoffice, Selbstorganisation und Nachhaltigkeit aus verschiedenen Erfahrungshorizonten begründet bewerten.
- 🪞 erklären, warum Unterschiede innerhalb einer Altersgruppe für die Analyse ebenso wichtig sind wie Unterschiede zwischen Generationen.
Leitend sind dabei drei Fragen:
- 💭 Welche Erfahrungen prägen Vorstellungen von Lernen und Arbeit?
- 🧭 Wann helfen Generationenbegriffe, gesellschaftlichen Wandel zu verstehen?
- 🪞 Wann werden Generationenbegriffe problematisch, weil sie Unterschiede innerhalb einer Gruppe verdecken?
🧭 Ablauf
Gesamtdauer: ca. 90 Minuten ⏱️
| Phase | Inhalt | Ziel | Zeit |
|---|---|---|---|
| 1. Wiederholung und Vertiefung 🌐 | Präsentation und Besprechung zum Thema „Bildung weltweit“ | Vorwissen aktivieren und thematische Anschlüsse sichtbar machen | ⏱️ 30 Min |
| 2. Einstieg in das Thema Generationen 🧭 | Generationen als Ordnung von Erfahrungen | Begriffsrahmen klären und kritisch rahmen | ⏱️ 10 Min |
| 3. Kontrastierung 💬 | Prägende Ereignisse, Technologien und Bildungserfahrungen | unterschiedliche Erfahrungshorizonte sichtbar machen | ⏱️ 15 Min |
| 4. Arbeitsphase 👥 | New Work aus unterschiedlichen Erfahrungshorizonten bewerten | Perspektivübernahme und Urteilsbildung fördern | ⏱️ 25 Min |
| 5. Auswertung und Reflexion 🪞 | Chancen und Grenzen von Generationenzuschreibungen | Ergebnisse sichern und analytisch zuspitzen | ⏱️ 10 Min |
🌐 Rückblick: Bildung weltweit
Zu Beginn der Sitzung wird das Thema Bildung weltweit wiederholt und vertieft. Dabei stehen internationale Unterschiede, Gemeinsamkeiten und Herausforderungen von Bildungssystemen im Mittelpunkt.
Eine mögliche Verbindung zum heutigen Thema liegt darin, dass Globalisierung und Internationalisierung selbst prägende Erfahrungen sein können. Wer in einer stark internationalisierten Bildungs- und Arbeitswelt aufwächst, entwickelt möglicherweise andere Erwartungen an Mobilität, Vergleichbarkeit, Kommunikation und berufliche Zukunft als frühere Altersgruppen.
Diese Verbindung wird in der Sitzung aber nicht vorausgesetzt. Der erste Teil dient vor allem der Wiederholung und Vertiefung.
🧭 Generationen als Ordnung von Erfahrungen
Generationenbegriffe ordnen Menschen zunächst nach Geburtsjahrgängen. Zur ersten Orientierung wird eine Generationen-Timeline von Cmglee genutzt. Die Darstellung ist auf Wikimedia Commons veröffentlicht und orientiert sich teilweise an verbreiteten Generationeneinteilungen, unter anderem des Pew Research Center. Sie dient hier nicht als verbindliche wissenschaftliche Typologie, sondern als Ausgangspunkt für eine kritische Einordnung.
Generationen-Timeline als heuristische Orientierung
Quelle: Cmglee (2024): Generation timeline.svg, Wikimedia Commons. Generationsabgrenzungen in Anlehnung an Pew Research Center (2019) · Lizenz: CC BY-SA 4.0
Häufig werden mit Generationen bestimmte Erfahrungen, Werte oder Verhaltensweisen verbunden. Solche Einteilungen können helfen, gesellschaftlichen Wandel sichtbar zu machen. Sie können aber auch den Eindruck erzeugen, Menschen einer Altersgruppe seien sich ähnlicher, als sie tatsächlich sind.
Ein wichtiger theoretischer Bezugspunkt ist Karl Mannheim. In seinem klassischen Beitrag zum Problem der Generationen versteht er Generationen nicht einfach als Jahrgangsgruppen. Entscheidend ist vielmehr, dass Menschen bestimmte historische Ereignisse in einer ähnlichen Lebensphase erleben und daraus gemeinsame Deutungen entstehen können. Generation ist damit kein fester Persönlichkeitstyp, sondern ein möglicher Zusammenhang geteilter Erfahrung (Mannheim, 2023).
Für die Arbeit mit Generationenbegriffen gilt deshalb:
Jahrgänge geben eine erste Orientierung. Entscheidend sind aber prägende Erfahrungen und Deutungen, die durch soziale Lage, Bildung, Arbeitsmarkt, Technik und Lebenssituation mitgeprägt werden.
Auch das Pew Research Center, das häufig mit Generationeneinteilungen arbeitet, weist inzwischen darauf hin, Generationenlabels vorsichtiger zu verwenden, um stereotype Zuschreibungen nicht unnötig zu verstärken (Parker, 2023).
💬 Kontrastierung: Was prägt den Blick auf Arbeit?
In der Veranstaltung wird gemeinsam gesammelt, welche Ereignisse, Personen, Technologien oder Entwicklungen den Blick auf Bildung, Arbeit und Zukunft prägen.
🌐 Die Sammlung erfolgt auf Taskcards .
| Dimension | Lehrende | Studierende | Bedeutung für Lernen und Arbeit |
|---|---|---|---|
| Ereignisse und Krisen 🧭 | |||
| Technik, Medien und Kommunikation 💻 | |||
| Bildung, Beruf und Lebensentwürfe 🎓 |
Die Sammlung soll nicht nur Unterschiede zwischen Lehrenden und Studierenden zeigen. Interessant sind auch Unterschiede innerhalb der Studierendengruppe. Gerade daran wird sichtbar, dass eine gemeinsame Altersgruppe nicht automatisch eine einheitliche Erfahrungsgemeinschaft bildet.
Leitfragen für die Auswertung:
- 💬 Welche Einträge teilen viele?
- 🪞 Wo unterscheiden sich die Erfahrungen deutlich?
- 💻 Welche Ereignisse oder Entwicklungen beeinflussen Erwartungen an Arbeit?
- 🧠 Welche Unterschiede lassen sich nicht allein mit Generation erklären?
👥 Arbeitsauftrag: New Work aus unterschiedlichen Erfahrungshorizonten bewerten
Im nächsten Schritt wird ein Szenario in einem Rollenspiel bearbeitet.
Szenario
Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten in einem mittelständischen Unternehmen in Mecklenburg-Vorpommern, das seine Arbeitsorganisation verändern will. Die Geschäftsleitung plant drei Maßnahmen:
Personas zwischen Arbeitswandel, Erfahrung und Erwartung
Bildquelle: Eigene Darstellung (erstellt mit ChatGPT) · Lizenz: CC BY-SA 4.0
Homeoffice wird dauerhaft möglich. Beschäftigte können mehrere Tage pro Woche von zu Hause arbeiten.
Teams organisieren sich stärker selbst. Entscheidungen werden weniger über klassische Hierarchien getroffen, sondern stärker im Team vorbereitet.
Nachhaltigkeit wird als Unternehmenswert verankert. Das Unternehmen möchte ökonomische, ökologische und soziale Verantwortung stärker in Strategie, Arbeitsalltag und Außendarstellung einbauen.
Sie übernehmen die Perspektive einer der folgenden Personen mit einem bestimmten beruflichen Erfahrungshintergrund:
Persona A: Die Person steigt ca. 1985-1995 ins Berufsleben ein. Arbeit ist für sie stark mit Präsenz im Betrieb, klaren Zuständigkeiten, beruflicher Sicherheit, Verlässlichkeit und Aufstieg verbunden.
Persona B: Die Person steigt ca. 2000-2010 ins Berufsleben ein. Sie erlebt Digitalisierung, Projektarbeit, Flexibilisierung, Leistungsdruck und veränderte Anforderungen an Vereinbarkeit.
Persona C: Die Person steigt heute oder in naher Zukunft ins Berufsleben ein. Digitale Kommunikation, Unsicherheit, Sinnsuche, Klimakrise, KI und flexible Erwerbsverläufe gehören bereits zu ihrem Erfahrungshorizont.
Aufgabe
Entwickeln Sie Ihre Persona weiter und bewerten Sie die drei Maßnahmen aus deren Sicht.
Berücksichtigen Sie dabei:
- 🧭 Wann steigt die Person ungefähr ins Berufsleben ein?
- 🧠 Welche Bildungs- und Arbeitserfahrungen prägen sie?
- 💻 Welche Erfahrungen mit Technik, Führung, Sicherheit, Karriere oder gesellschaftlichem Wandel bringt sie mit?
- 🤝 Welche der drei Maßnahmen findet sie überzeugend?
- 🪞 Wo sieht sie Risiken, Überforderung oder Widersprüche?
- 💬 An welchen Stellen könnte Ihre Persona selbst zu stark vereinfacht oder stereotyp werden?
🌐 Notieren Sie Ihre Überlegungen in Stichpunkten auf Taskcards .
Ziel der Aufgabe
Die Aufgabe soll sichtbar machen, wie Erwartungen an Arbeit durch historische Erfahrungen, Bildung, Arbeitsmarkt, Technik und persönliche Lebenslagen geprägt werden. Durch das Rollenspiel werden Perspektivübernahme, Interaktion und begründete Urteilsbildung geübt, ohne Menschen auf Generationenklischees zu reduzieren.
🪞 Auswertung: Was zeigt der Perspektivwechsel?
In der Auswertung werden die Perspektiven miteinander verglichen.
Dabei stehen drei Fragen im Mittelpunkt:
- Welche Unterschiede zwischen den Personas wirken plausibel?
- Wodurch lassen sich diese Unterschiede erklären?
- Wo entstehen stereotype Zuschreibungen?
Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen Generation und Kontext. Eine Haltung zu Homeoffice, Selbstorganisation oder Nachhaltigkeit kann mit Alter und Generation zusammenhängen. Sie kann aber ebenso durch Berufsfeld, Bildungsweg, familiäre Situation, soziale Lage, Führungserfahrungen oder wirtschaftliche Sicherheit geprägt sein.
Beispiel:
- 💻 Homeoffice kann als Freiheit erlebt werden.
- 🪞 Homeoffice kann aber auch als Entgrenzung, Vereinsamung oder Kontrollverlust erlebt werden.
- 🤝 Selbstorganisation kann Beteiligung ermöglichen.
- 🧠 Selbstorganisation kann aber auch Verantwortung nach unten verschieben.
- 🌱 Nachhaltigkeit kann als glaubwürdiger Wert überzeugen.
- 💬 Nachhaltigkeit kann aber auch als bloße Außendarstellung wahrgenommen werden.
Die Bewertung hängt also nicht nur davon ab, welcher Generation eine Person zugerechnet wird. Entscheidend ist, welche Erfahrungen sie mit Arbeit, Organisation, Bildung und gesellschaftlichem Wandel verbindet.
📊 Empirischer Abgleich: Was sagen Studien?
Studien zu Jugend, Ausbildung und Berufserwartungen helfen, Alltagsannahmen zu überprüfen. Sie liefern aber keine einfache Antwort im Sinne von: „So ist eine Generation.“
Ein Beispiel ist die McDonald’s Ausbildungsstudie 2025. Sie untersucht Erwartungen, Wünsche, Sorgen und Zukunftsvorstellungen junger Menschen im Alter von 15 bis unter 25 Jahren in Deutschland. Die Befragung wird vom Institut für Demoskopie Allensbach von Sommer & Lorch (Sommer & Lorch, 2025) durchgeführt.
Solche Studien sind für die heutige Sitzung aus zwei Gründen interessant:
- Sie zeigen, welche Themen junge Menschen beim Übergang in Ausbildung und Beruf beschäftigen.
- Sie machen sichtbar, dass öffentliche Bilder über „die Jugend“ mit empirischen Befunden abgeglichen werden müssen.
Für die Auswertung ist deshalb nicht nur wichtig, was eine Studie über junge Menschen sagt. Wichtig ist auch, wie solche Befunde interpretiert werden. Werden sie als differenzierte Beschreibung gelesen? Oder werden sie genutzt, um eine ganze Generation pauschal zu charakterisieren?
Sommer & Lorch (2025) fokussieren in der Zusammenfassung ihrer Ergebnisse aus dem Jahr 2025 folgende Aspekte: Auffällig ist zunächst ein geringes Vertrauen junger Menschen in politische Repräsentation. Nur ein kleinerer Teil (22 %) der 15- bis 24-Jährigen gibt an, Vertrauen zu haben, während eine deutliche Mehrheit wenig Vertrauen äußert (63 % wenig Vertrauen, 15 % unentschieden). Zugleich sinkt der Glaube an Chancengleichheit (2019: 59 %, 2025: 48 %).
Für die Frage nach Arbeit ist besonders interessant, dass junge Menschen stärker nach beruflicher Passung suchen. Die Zusammenfassung zeigt einen deutlichen Anstieg des Wunsches nach Work-Life-Balance (2019: 31 %, 2025: 42 %) und auch eine stärkere Bedeutung von Homeoffice (2019: 4 %, 2025: 24 %). Arbeit wird damit nicht nur als Einkommen oder Karriereweg verstanden, sondern stärker im Zusammenhang mit Lebensgestaltung, Selbstbestimmung und persönlicher Passung.
Zugleich wird das Bildungssystem kritisch bewertet. Die Befragten sehen beispielsweise deutliche Schwächen bei der digitalen Kompetenz von Lehrkräften (weniger gut und kaum bzw. gar nicht: 47 %; gut und sehr gut: 38 %, unentschieden: 15 %). Dies kann als Hinweis darauf gelesen werden, dass junge Menschen die Zukunftsfähigkeit des Bildungssystems kritisch einschätzen.
Die folgende Grafik fasst die Ergebnisse zusammen:
McDonald’s Ausbildungsstudie 2025: zentrale Ergebnisse im Überblick
Bildquelle: Eigene Darstellung (erstellt mit ChatGPT) in Anlehnung an Sommer & Lorch (2025) ·
Lizenz: CC BY-SA 4.0
🧩 Zentrale Einsicht der Sitzung
Die wichtigste Unterscheidung lautet:
Generationenzuschreibungen können helfen, historische Erfahrungen zu ordnen. Sie werden problematisch, wenn sie Menschen zu stark vereinheitlichen.
Für die Analyse von Lernen und Arbeit bedeutet das:
Erwartungen an Lernen und Arbeit verändern sich. Menschen wünschen sich zum Beispiel Flexibilität, Sicherheit, Sinn, Anerkennung, Beteiligung oder Entwicklungsmöglichkeiten. Diese Erwartungen entstehen aber nicht nur aus Generationenzugehörigkeit. Sie entstehen im Zusammenspiel von Bildung, Arbeitsmarkt, Technik, sozialer Lage, biografischen Erfahrungen und gesellschaftlichen Krisen.
🪞 Reflexionsfragen zum Nachstudium
- 💭 Welche Erwartungen an Lernen und Arbeit erscheinen Ihnen heute besonders wichtig?
- 🧭 Welche dieser Erwartungen könnten mit Ihrer Generation zusammenhängen?
- 🪞 Welche Erwartungen hängen eher mit Bildung, sozialer Lage, Branche, Familie oder persönlichen Erfahrungen zusammen?
- 💬 Wann sind Generationenbegriffe hilfreich?
- ⚖️ Wann werden Generationenbegriffe problematisch?
- 🎓 Was bedeutet das für Bildungsinstitutionen, Berufsorientierung und Ausbildung?
- 🤝 Wie sollte ein Unternehmen mit unterschiedlichen Erwartungen an Arbeit umgehen, ohne Menschen auf Generationenklischees zu reduzieren?
📚 Literatur und Quellen
Mannheim, K. (2023). Schriften zur Wirtschafts- und Kultursoziologie: Herausgegeben und eingeleitet von Amalia Barboza und Klaus Lichtblau (A. Barboza & K. Lichtblau, Hrsg.). Springer Fachmedien Wiesbaden.
Parker, K. (2023). How Pew Research Center will report on generations moving forward. Pew Research Center.
Sommer, M., & Lorch, M. (2025). Die McDonald’s Ausbildungsstudie 2025. Sehnsucht nach Halt. Gen Z auf der Suche nach Sinn, Sicherheit und Selbstbestimmung. Eine Repräsentativbefragung junger Menschen im Alter von 15 bis 24 Jahren.


